Immaterielles Kulturerbe Bauhüttenwesen

19.09.2018

Dombauhütte Aachen – immaterielles Kulturerbe

Auf der Sitzung des Expertenkomitees Immaterielles Kulturerbe vom 18.-19.09.2018 in Genshagen wurde im Register Guter Praxisbeispiele – Das Bauhüttenwesen – die bisherig eingetragenen Bauhütten Köln, Freiburg und Ulm, um zehn weitere Bauhütten erweitert: Dombauhütte Aachen, Dombauhütte Bamberg, Zwingerbauhütte Dresden, Kirchenbauhütte Lübeck, Dombauhütte Mainz, Dombauhütte Passau, Dombauhütte Regensburg, Münsterbauhütte Schwäbisch Gmünd, Westf. Dombauhütte Soest, Dombauhütte Xanten,

Das Bauhüttenwesen – Weitergabe, Dokumentation, Bewahrung und Förderung von Handwerktechniken und -wissen

Seit Jahrhunderten bewahren Dom- und Münsterbauhütten tradiertes Wissen und Bräuche über Bau und Erhalt von Großkirchen. Mit ihren zahlreichen Dokumentations- und Erhaltungsaktivitäten, der Jugend- und Vermittlungsarbeit, der Vernetzung mit der Politik, Industrie und untereinander bieten die deutschen Dom- und Münsterbauhütten ein überregionales Modell für die Erhaltung Immateriellen Kulturerbes.Die hohe Mobilität der Baumeister und der Steinmetzgesellen führte zur Verbreitung eines spezialisierten Wissens und Könnens im gesamten europäischen Raum. Die einzelnen Hütten pflegen einen fachlichen Austausch und kollegialen Kontakt untereinander – insbesondere durch einen wechselseitigen Gesellenaustausch. Organisiert in dem Verein „Dombaumeister e.V.- Europäische Vereinigung der Dombaumeister, Münsterbaumeister und Hüttenmeister“ treffen sich Baumeister und Fachkollegen zudem jährlich zu einer Baumeistertagung.

Bis heute besteht eine enge Verbindung und intensive Zusammenarbeit der Bauhütten in Europa

Erfolgsfaktor des Modells sind vor allem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bauhütten mit ihrem Wissen, ihren Fertigkeiten und ihrer starken Bindung zum Bauwerk – meist sprechen sie von „ihrem“ Dom oder „ihrem“ Münster. Viele sind seit Jahrzehnten an den Hütten beschäftigt oder kehren als Gesellen nach ihrer Wanderschaft wieder an die Ausbildungshütte zurück. Mit den zahlreichen Dokumentations- und Erhaltungsaktivitäten, der Jugend- und Vermittlungsarbeit, der Vernetzung mit der Politik, Industrie und anderen Bauhütten bieten die deutschen Dom- und Münsterbauhütten ein überregionales Modell für die Erhaltung und die nachhaltige Pflege Immateriellen Kulturerbes.

Im Zuge der Entwicklung des gotischen Baustils und des Aufschwungs des Städtewesens im 13. Jahrhunderts bildete sich mit den Bauhütten eine neuartige, arbeitsteilig und hochgradig spezialisierte Form der Bauorganisation und -ausführung aus. Sie lösten die wandernden Baugruppen der Romanik und das Laienbauwesen ab.

Zentral für die Stabilität und den Erfolg des Bauhüttenwesens war und ist bis heute die qualifizierte Aus- und Weiterbildung des Nachwuchses, in der das Wissen und handwerkliche Können der erfahrenen Bau- und Hüttenmeister an die Lehrlinge systematisch weitergegeben wird. Noch heute finden wir in der Hierarchie von Meister–Geselle–Lehrling sowie in der Wanderschaft der Gesellen (Walz) Charakteristiken der modernen Handwerksausbildung, die im Bauhüttenwesen ihren Ursprung haben.

Im Zeitalter der Industrialisierung und der seriellen Fließbandproduktion knüpften Bauhütten im Zuge des Weiterbauens an gotischen Kirchen im 19. Jahrhundert ganz bewusst an die Traditionen des mittelalterlichen Bauhüttenwesens und der handwerklichen Tätigkeit im Werkstattverbund unterschiedlicher Gewerke an. Obwohl die Arbeit in den Bauhütten von Traditionsbewusstsein geprägt ist, entwickelt sie sich in ihrem sozialen Kontext und technischen Repertoire stetig weiter.

Heute finden naturwissenschaftliche Erkenntnisse aus der Baustoffforschung sowie Prinzipien des Schutzes alter Bausubstanz in Zusammenarbeit mit Universitäten, Fachhochschulen und in enger Abstimmung mit der staatlichen Denkmalpflege Anwendung.

Aufgrund der abnehmenden Fähigkeiten im traditionellen Handwerk und dem Kosten- und Zeitdruck in herkömmlichen Steinmetzbetrieben, sind die großen Bauhütten in Deutschland heute als regelrechte “Kompetenzzentren für Naturstein“ zu bezeichnen, in denen das Wissen zur Steinbearbeitung (weiter-)entwickelt, erprobt, gespeichert und weitergegeben wird. Als Ausbildungsstätte waren und sind die deutschen Bauhütten Ausgangspunkt für die Wanderschaft junger Gesellen, die ihr Wissen und ihr handwerkliches Können überregional in andere Handwerksbetriebe einbringen.

Die Dom- und Münsterbauhütten als Gute-Praxis-Beispiel zur Erhaltung Immateriellen Kulturerbes zeigen modellhaft die Effizienz und Qualität traditioneller handwerklicher Arbeit und die Bedeutung des Bauhüttenwesens für das Verständnis und den Erhalt von komplexen Großbauten.

Den Erfolg einer höchst effektiven Nachwuchsförderung in der Fachausbildung belegt die Vielzahl von Lehrlingen, die seit vielen Jahrzehnten in den Bauhütten in den verschiedenen Gewerken kontinuierlich ausgebildet werden. Die Qualifizierung der Lehrlinge sowie die Feier zünftiger Rituale wie der Lossprechung tragen neben der Wahrung des Wissens und Könnens und deren Weiterentwicklung auch zur Identifikation mit der Bauhütte als einer Institution mit jahrhundertelanger Geschichte bei.

Zusammen mit dem fortlaufenden Bestand an Plänen, Hüttentagebüchern, Besucherbüchern, Wetteraufzeichnungen, persönlichen Notizen, Fotografien, Gutachten und Rechnungsbüchern konservieren die Bauhütten als Wissensspeicher zu Großbauten ihre eigene Geschichte, aktualisieren sie durch den Rückgriff in der täglichen Arbeit und transportieren sie an die kommende Generation.

Großbauten ohne eigene Bauhütte und eine lückenlose Dokumentation arbeiten daher zwangsläufig weniger vorausschauend und nachhaltig: Schäden werden oft zu spät erkannt, Restaurierungsmaßnahmen erfolgen meist fragmentarisch, Verantwortlichkeiten sind nicht immer klar und Entscheidungsprozesse dauern oft länger. Als Gute-Praxis-Beispiel spiegeln die wenigen großen heute noch aktiven Bauhütten in Deutschland und Europa mit ihrer internationalen Ausstrahlung und Vernetzung modellhaft die Ziele des Übereinkommens zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes wider.

Aktuell im Dom:

Temp.: 21.4 °C
Luftfeuchte: 60.3 %rF